Landesverband Hochbegabung Baden-Württemberg e.V.

Hingucker

Fallgeschichten

David

Aller Anfang ist schwer...

David war unser erstes Kind, und um bestens auf unser neues Familienmitglied vorbereitet zu sein, belegten wir einen entsprechenden Kurs. Ständig war in diesem Geburtsvorbereitungskurs die Rede von Glücksgefühl und sanfter Geburt. Natürlich verlief dann alles ganz anders: Die Geburt dauerte furchtbar lange und war sehr schmerzhaft. Unser Sohn starrte gleich vom ersten Moment an aufgeweckt in die Gegend, Schlaf war kaum drin. Wenn er wach war, wollte er getragen oder angelegt werden, andernfalls herrschte Gebrüll.
Ich zweifelte an mir, und obwohl ich dieses Kind unglaublich liebte, meinte ich oft genug, es nicht zu schaffen. David schien einfach nicht zur Ruhe zu kommen, außer nachts, da schlief er dann verhältnismäßig schnell einige Stunden durch.
Auch der Kinderarzt wußte uns keinen Rat. Wenn es dann ganz schlimm kam, packte mein Mann den Säugling ins Auto und fuhr kilometerweit durch die Gegend um ihn zum Einschlafen zu bringen. Fuhr ich mit dem Kinderwagen spazieren, mußten es holprige Wege sein, andernfalls gab es nur Geschrei.

...ob mit oder ohne Geschwister

Als David 15 Monate alt war, bekam er eine Schwester. Damit wurde für uns Eltern alles noch schwieriger. Er zeigte sich immer aggressiver und alles geriet zum Machtkampf. Daß er sehr intelligent war, merkten wir zwar recht schnell, aber beim ersten Kind fehlen ja auch die Vergleichsmöglichkeiten. So kannte er mit kaum zwei Jahren alle, aber wirklich alle Automarken und konnte sie auch beim Namen nennen. In seiner gesamten Entwicklung – intellektuell aber auch motorisch – war er früh dran; auch konnte er sehr fröhlich und unglaublich charmant sein.
Doch sehr oft wirkte er wie aufgezogen. Besuchten wir mit ihm eine fremde Wohnung, dann konnte er überhaupt nicht stillsitzen. Er zog jede Schublade auf, drehte das Licht aus, Licht an, ständig war er in Bewegung. Sein Entdeckerdrang kannte keine Grenzen, und es war mir nicht möglich, diesen zu bremsen. Auf den Spielplatz ging ich kaum noch mit ihm, denn es dauerte nie lange und er war in einen Streit verwickelt.

Erste Therapie- und Diätversuche

Eine Therapeutin empfahl mir schließlich die Festhaltetherapie nach Dr. Prekop. Ich erinnere mich noch mit Schrecken an die Stunden, in denen ich meinen Sohn umklammert hielt. Er schrie, tobte, versuchte mich zu beißen, es waren richtige Kämpfe. Geblieben ist ihm, daß er noch heute keine Berührung unter Anspannung erträgt.
Bücher über Kindererziehung habe ich damals verschlungen, aber nie etwas Passendes für uns gefunden. In einem dieser Bücher lasen wir über die Phosphate in den Nahrungsmitteln und deren Folgen für manche Kinder. Nach Rücksprache mit dem Kinderarzt versuchten wir eine phosphatarme Diät, aber auch das half nichts. Unser Sohn war charmant, fröhlich, unberechenbar, launisch, unglaublich willensstark, liebebedürftig, aber eigentlich kaum zu lenken. Natürlich würde ich mit meinem heutigen Wissen vieles anders machen.

Kindergartenjahre in den USA

Als David knapp 3 Jahre alt war, gingen wir aus beruflichen Gründen für einige Jahre nach Kalifornien. Ich erinnere mich noch sehr gut an folgende Situation: Die Umzugsleute bauten die Küche ab, David saß da und sagte ganz verstört: „Die machen alles kaputt“.
In Kalifornien besuchte er dann einen Kindergarten. Nach anfänglichen, auch sprachlich bedingten Schwierigkeiten, schien er sich dort gut einzuleben und wir alle freuten uns, wie ruhig er sich doch Gruppenaktivitäten anschließen konnte.
Plötzlich änderte sich das jedoch. Was genau der Auslöser war, ist mir noch heute ein Rätsel. David provozierte die armen Erzieherinnen in einem Ausmaß, das beide Frauen rat- und hilflos machte. Die Situation eskalierte, der Teufelskreis begann.
Jedesmal, wenn ich ihn vom Kindergarten abholte, war ich schon gespannt, was wohl diesmal wieder vorgefallen war, und meine (negativen) Erwartungen wurden auch meistens erfüllt. Die Erzieherinnen rieten mir irgendwann zum Klaps auf den Po. Die Folge war, daß ich mich schlecht dabei fühlte, und daß das Kind dies spürte. Irgendwann erfolgte der Hinweis der Erzieherinnen, daß David eventuell hyperaktiv sei.
Freunde empfahlen uns daraufhin einen Kindertherapeuten. Nachdem dieser David im Kindergarten und daheim beobachtet hatte, befand er ihn als nicht hyperaktiv, denn David konnte sich durchaus konzentrieren, wenn er Interesse an etwas gefunden hatte. Im Gegenteil: Hatte er sich erst einmal in etwas vertieft, war er nur sehr schwer wieder davon weg zu bekommen. Auch das war eine der Schwierigkeiten im Kindergarten.
Allerdings empfahl der Therapeut einen Kindergartenwechsel; glücklicherweise erhielten wir einen Platz im Kindergarten der Universität Stanford. Hier ging man ganz anders mit den Kindern um. Die Kindergärtnerinnen mochten David sehr, zeigten es ihm auch, setzten ihm jedoch deutlich die Grenzen. Eigentlich ging er sehr gerne hin, da Kreativität gefördert wurde und er viel Freude an den kleinen wissenschaftlichen Experimenten hatte, die dort durchgeführt wurden.
In den Zeiträumen, in denen er voll konzentriert diese interessanten Angebote wahrnahm, gab es eigentlich nie Probleme. Er verfaßte kleine, hochinteressante Geschichten und liebte es, am Computer zu sitzen – vor 13 Jahren war dieser amerikanische Kindergarten bereits damit ausgestattet. Probleme tauchten nach wie vor auf beim freien Spiel, in größeren Gruppen und in ungewohntem Umfeld.
In den folgenden zwei Jahren machte David große Fortschritte; die Erzieherinnen gaben sich viel Mühe mit ihm. Ich selbst verbrachte viele Stunden in seiner Gruppe, einfach, um die Frauen zu entlasten, damit sie mehr Zeit für David hatten. Begleitend dazu ging er zweimal wöchentlich zur Spieltherapie. Wir erwogen, ihn zur Untersuchung bei einem Neurologen anzumelden und versuchten es noch einmal mit einer Diät. David und seine Probleme beherrschten die Familie, die kleine Schwester lief „nebenher“.

Frühe Zweisprachigkeit

Mittlerweile war unser Sohn fast 6 Jahre alt, und da es absehbar war, daß wir innerhalb des folgenden Jahres wieder zurück nach Deutschland gehen würden, stellte sich die Schulfrage. Er wurde im Juli sechs Jahre alt, in Deutschland wäre er damals eigentlich noch nicht eingeschult worden. Soziale Schwierigkeiten hatte er noch immer. Daß er sehr intelligent war, daran zweifelte niemand, aber war er auch schulreif? Er konnte fließend Englisch und Deutsch lesen, Rechnen war überhaupt kein Problem.

Intelligenztest und die Folgen

Im April wurde er noch einmal von der Therapeutin, bei der er die Spieltherapie besuchte, beobachtet. Sie riet uns dazu ihn testen zu lassen, um die richtige Schule für ihn auszuwählen. Dieser Test wurde im Psychological Center for Exceptional Children, Palo Alto, durchgeführt. Das Ergebnis: Hochintelligent, aber nicht geeignet für eine normale Klasse. Einer der Begriffe, die er erklären sollte, war curiosity (Neugierde):
„You want to know something, I want to know everything!“, meinte er. (Sie wollen etwas wissen, ich will alles wissen!)
Nach Rücksprache mit den Kindergärtnerinnen entschieden wir, ihn in die erste Klasse der Deutsch-Amerikanischen Schule in Palo Alto einzuschulen, denn er wollte nicht mehr Deutsch sprechen, Englisch war seine Umgangssprache geworden. Als wir einmal Besuch aus Deutschland bekamen, meinte er: ‚I´m sick and tired of all these non-English-speaking people!‘ (‚Alle diese Leute, die nicht Englisch sprechen, hängen mir zum Hals raus!‘) Beherrschte er etwas nämlich nicht perfekt, verweigerte er es ganz. So war es dann auch beim Sport, beim Malen etc.
Der Unterricht dauerte bis 14.15 Uhr, die Klasse war klein und die Lehrerinnen wirklich nett. Auch dort lief es ganz und gar nicht glatt, denn natürlich mußte jeder und alles von David erst mal getestet werden, d.h., er mußte immer erst herausfinden, wie weit er gehen konnte. Einmal kam er nach der Pause nicht mehr in den Unterricht zurück, man fand ihn schließlich auf einem Baum sitzend. Es war ihm alles zu laut und unruhig gewesen!

Hilft das Allheilmittel Ritalin?

Ein Arzt des Gesundheitsdienstes gab uns nach der Schilderung unserer Probleme ein Rezept für Ritalin, aber die Klassenlehrerin wollte das dann nicht. Schulisch war er unterfordert, Ausschneiden und Malen interessierten ihn nicht. Auch kam es immer wieder zu Zwischenfällen mit anderen Schülern. Angefreundet hat er sich dann mit einem wesentlich älteren Schüler, dieser nahm ihn offensichtlich ernst. Auch mit Mädchen hat er sich immer sehr gut verstanden, vielleicht fühlte er sich von ihnen weniger bedroht? Nach einem halben Jahr hatte er sich einigermaßen eingelebt, dann war es auch schon wieder Zeit, nach Deutschland zurückzukehren.
Hier wollten wir nun den Kindern bei unserer Rückkehr weitere vorübergehende Wohnsitze ersparen, denn in den USA hatten wir innerhalb von knapp 4 Jahren in 3 verschiedenen Häusern gelebt. Als wir David damals vom Hausbau erzählten und meinten, jetzt müssten wir halt noch einmal umziehen, war seine Antwort: „Aber dann müssen wir noch einmal umziehen, nämlich wenn wir gestorben sind, auf den Friedhof.“ Das Thema Tod beschäftigte ihn immer sehr, einmal hörte ich, wie er seiner Schwester erklärte: ,Böse Menschen kommen auf den Friedhof, in die Erde, die lieben dürfen zu dem lieben Gott in den Himmel.‘
Im Nachhinein ist uns bewußt geworden, daß diese wechselhafte Lebensweise für unseren Sohn eine wesentlich größere Belastung gewesen war als für seine kleine Schwester.

Das unvermeidliche deutsche Schuhbändelkriterium

Zurück in Deutschland besuchte David die 1. Klasse der Grundschule. Deutsch sprach er durch den Besuch der Deutsch-Amerikanischen Schule akzentfrei. Seine Ausdrucksweise war (ist immer noch) gelegentlich etwas ungewöhnlich, manche nannten (nennen) es hochgestochen. Auch gefiel ihm gar nicht, daß er in der Klasse der Jüngste war. Recht bald wurden wir zu einem Gespräch mit der Lehrerin gebeten. David füge sich nicht in die Klassengemeinschaft ein, störe den Unterricht und es gebe ständig Streit in der Pause.
Auf unsere vorsichtige Frage, ob denn die Gründe hierfür in seiner Unterforderung liegen könnten, lautetet die Antwort: „Er kann ja noch nicht einmal die Schuhe binden, und schauen Sie sich doch einmal das Chaos in seinem Schulranzen an!“
Es war eine schlimme Zeit für uns, aber auch für ihn. Die Gruppe akzeptierte ihn nicht, gefragt waren Fußballspieler und keine Rechenkünstler. Er hatte mit seinen sechs Jahren eine gute Vorstellung davon, wieviel 100 000 bedeutet, las mit Vorliebe Sachbücher, GEO und PM, er spielte Schach und konnte stundenlang LEGO bauen, (nicht spielen). Sein Berufswunsch war noch immer „allround-scientist“. Aber er war anders als die anderen, dachte anders und deshalb konnten sie ihn auch oft nicht verstehen. War nur ein Kind bei ihm zum Spielen, ging alles gut.
Schwierigkeiten bereitete ihm auch sein Gerechtigkeitsempfinden. So verlangte er z. B. von mir, daß ich bei seiner Lehrerin anrufen sollte, um von ihr Ersatz für seine Spielkarten zu fordern. Diese hatte sie nämlich aus dem Fenster geworfen, als er Karten spielte, anstatt dem „Unterricht zu folgen“. Da uns sehr wohl sein Denkvermögen bekannt war, die Noten jedoch nur „gut“ waren, blieben seine sozialen Probleme immer im Vordergrund.
Im dritten Schuljahr bekam er eine neue Lehrerin, behielt aber die alten Probleme. Ständig klingelte das Telefon, die Lehrerin wußte mit dem Kind wieder einmal nicht mehr weiter. David ging zu diesem Zeitpunkt einmal die Woche (erfolglos) zur Spieltherapie, es war die Rede von einer Einweisung in die Kinderpsychiatrie.
In dieser Zeit wurde mein Mann vom Lehrer unserer Tochter auf Davids Probleme angesprochen. Er riet uns, David nochmals testen zu lassen. Durch viel Glück und einen Zufall bekamen wir einen Termin bei Frau Dr. Stapf in Tübingen. „Raus aus der Grundschule“ war das Fazit, und direkt ins Gymnasium.

Die Rettung: Überspringen ins G8

David übersprang das 4. Schuljahr und ging dann, mit 9 Jahren, auf ein 8-jähriges Gymnasium. Er schätzte es außerordentlich, daß er trotz Überspringen nun nicht mehr der jüngste Schüler in der Klasse war. Auch brachte er, trotz oder gerade wegen des Überspringens, ein wirklich gutes Zeugnis am Ende des 5. Schuljahres nach Hause.
Er wurde durch diesen Schulwechsel nicht von heute auf morgen ein unauffälliger Schüler, aber dank der Hilfe eines wunderbaren Lehrers und Pädagogen fügte er sich nach und nach ein. Seine Eigenarten wurden dort weitaus stärker akzeptiert, zugleich aber bekam er deutlich die Grenzen gesetzt. Und es war für uns Eltern eine große Entlastung, ihn in guten Händen zu wissen. Immer wieder mal gab es problematische Situationen, diese wurden aber in positiver Atmosphäre mit den Lehrern durchgesprochen.
Wir sind uns sicher, daß dieser Schulwechsel und die Möglichkeit das G8 zu besuchen, für David die Rettung waren. Was sonst passiert wäre, wagen wir uns gar nicht auszudenken. Die recht lange Anfahrt (morgens 5/4 Stunden, nachmittags eher länger) haben wir und auch David bis heute gerne in Kauf genommen.
Nun war unser Sohn während der Gymnasiumszeit bis vor kurzem kein Spitzenschüler gewesen, wirklich nicht, aber seit es für den Sechzehnjährigen aufs Abitur zugeht, hat ihn doch der Ehrgeiz gepackt. Schon immer hat er stark unterschieden zwischen den Fächern, die ihn interessieren und solchen, die ihm keine Lust bereiten, und seine Noten gaben dies auch deutlich wieder.
David war und ist ein unglaublich interessanter Gesprächspartner und mit ihm zu verreisen, macht wirklich Spaß, denn er ist an so vielen Dingen interessiert. Davon profitieren auch seine beiden Schwestern. Und immer wieder staunen wir über den Umfang seines Wissens. Natürlich gilt seine Leidenschaft auch dem Computer, aber er diskutiert genau so gerne mit wildfremden Menschen über Astronomie und Musik.

Abitur mit 16 – und dann?

In diesem Frühjahr wird er das Abitur machen, und wir sind uns sicher, daß es ein gutes Abitur sein wird. Es geht ihm gut, in manchen Bereichen ist er noch immer nicht wie die meisten anderen Jugendlichen. Seine Liebe gilt der klassischen Musik, er spielt Klavier. Discos lehnt er ab (als zu laut und Bla Bla Musik), aber das ist in Ordnung so. Er hat in seiner Schule gute Freunde gefunden und erfahren, so wie ich bin, bin ich o.k. Wir sind stolz auf ihn. Mit einem ehemaligen Schulfreund leitet er seit 2 Jahren hier im Ort die Jungschargruppe, die Buben mögen ihn sehr gerne, denn er hat eine ganz eigene, sehr ruhige Art, mit ihnen umzugehen.
Eigentlich wollte er sehr gerne direkt nach dem Abi seinen Zivildienst im Ausland leisten. Da er aber zu diesem Zeitpunkt gerade mal 17 sein wird, besteht diese Möglichkeit nicht. Nun will er nach den Prüfungen vorerst ein bißchen reisen, und dann ein halbes Jahr in einer Softwarefirma arbeiten. Um beim Studium nicht „so sehr jung“ zu sein, möchte er erst im nächsten Frühling damit beginnen, wahrscheinlich im naturwissenschaftlichen Bereich.
Dankbar sind wir allen, die uns in diesen schwierigen Jahren begleitet und uns geholfen haben. Unsere Elterngruppe und der LVH waren uns jahrelang, besonders mir, der Mutter, eine große Stütze, und der Austausch mit anderen Eltern eine Befreiung und eine große Hilfe.
(Name und Anschrift der Familie sind der Redaktion bekannt)

aus LVH Aktuell Nr. 8

April 2007 - Anmerkung der Redaktion: David ist inzwischen 22 Jahre alt und hat erfolgreich sein Studium abgeschlossen.   

 

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