Was tun gegen Prüfungsangst?
Schüler, die bei mündlichen Abfragen kaum ein Wort herausbringen, schwitzend vor der Klassenarbeit sitzen, sich bei der Vorbereitung auf eine wichtige Prüfung trotz hoher Begabung kaum etwas einprägen können, leiden wahrscheinlich an Prüfungsangst. Nach wissenschaftlichen Schätzungen sind davon etwa jeder 6. Schüler bzw. jede 4. Schülerin betroffen.
Unter Prüfungsangst versteht man die Besorgtheit und Aufgeregtheit angesichts von Leistungsanforderungen, die selbstwertbedrohlich sein können.
Normalerweise erbringen prüfungsängstliche Schüler deutlich schlechtere schulische Leistungen, wobei die Leistungseinbuße bei ungefähr einer halben Standardabweichung liegt: Ein hoch prüfungsängstlicher Schüler erzielt somit durchschnittlich eine um 0,4 Notenstufen schlechtere Leistung als ein niedrig prüfungsängstlicher Schüler! Hält man sich die Bedeutsamkeit einer guten Durchschnittsnote für den Schulübertritt, das Abitur oder den Universitätsabschluss vor Augen, so wird deutlich, dass prüfungsängstliche Schüler während ihrer Ausbildung mit einem beträchtlichen Handicap belastet sind. Dieses Handicap trifft hochbegabte Schüler wie durchschnittlich begabte Schüler gleichermaßen.
Demgegenüber sind allerdings auch leistungsfördernde Wirkungen von Prüfungsangst bekannt, welche die leistungsbeeinträchtigenden Wirkungen aber nicht ausgleichen können. Sie scheinen jedoch hauptsächlich auf leichte Aufgabenanforderungen sowie auf Schüler mit unzureichender Leistungsmotivation beschränkt zu sein. So kann es durchaus der Fall sein, dass ein hochbegabtes Kind, das in seiner Klasse unterfordert ist, durch seine Prüfungsangst davon abgehalten wird, sich gelangweilt den Leistungsanforderungen des Unterrichts zu verweigern.1 Andererseits wirkt sich die Prüfungsangst bei gesteigerten Leistungsanforderungen besonders ungünstig aus, beispielsweise wenn eine Klasse übersprungen wurde.
Worauf beruhen die negativen Wirkungen der Prüfungsangst auf schulische Leistungen?
Eltern nehmen oft an, dass Prüfungsangst unmittelbar leistungsbeeinträchtigend wirkt. Diese Annahme wird aber durch die Forschung nicht gestützt. Die negative Wirkung von Prüfungsangst ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass die Aufmerksamkeit nicht mehr voll der Aufgabenbearbeitung zugewandt wird. Als Beleg hierfür wollen wir eine mittlerweile klassische Serie von Experimenten berichten, die Dusek durchführte.
Klassische Experimente
Dusek setzte zur Erforschung der Wirkung von Prüfungsängstlichkeit eine Lernaufgabe ein. Grundschulkinder bekamen Kärtchen, die im oberen Drittel die Zeichnung eines Tieres, im unteren Drittel die Zeichnung eines Haushaltsgegenstandes enthielten. Aufgabe war es, sich die Tiere einzuprägen. Nachdem die Lernphase abgeschlossen war, erinnerten niedrig prüfungsängstliche Kinder mehr Tiere. Interessanterweise konnten die prüfungsängstlichen Kinder jedoch mehr Haushaltsgegenstände erinnern. Diesen Kindern war es also nicht gelungen, ihre Aufmerksamkeit alleine auf den Lernstoff zu richten. Geen hat dies durch das Bild veranschaulicht, dass Ängstliche den Lichtstrahl einer Taschenlampe besorgt über ein großes Feld streichen lassen und sich deshalb nicht mehr ausschließlich auf die eigentlich anstehende Aufgabe konzentrieren können.
Dieses Experiment wurde in zwei Varianten wiederholt, deren Ergebnisse die Richtung für Interventionen vorgaben: (1) Der einen Hälfte der Kinder wurde gesagt, dass es sich bei der Lernaufgabe um ein Spiel handele, während die andere Hälfte mitgeteilt bekam, es handele sich um eine Leistungsprüfung. In der Leistungsprüfungsbedingung zeigte sich wieder der oben beschriebene Effekt, dass prüfungsängstliche Schüler weniger Tiere, dafür mehr Haushaltsgegenstände erinnern konnten. Dagegen traten unter der Spielbedingung keine nennenswerten Unterschiede mehr auf. Von entscheidender Bedeutung ist es also, inwieweit Schüler eine Lernsituation als Prüfungssituation wahrnahmen, in der sie Bewertungen ausgesetzt sind. (2) Im nächsten Experiment mussten die Schüler die Tiere benennen, die eingeprägt werden sollten. Dadurch erhoffte man sich, dass auch die prüfungsängstlichen Kinder ihre Aufmerksamkeit auf den Lernstoff richteten. In der Tat verschwanden in dieser Bedingung die Leistungsunterschiede zwischen niedrig und hoch prüfungsängstlichen Schülern. Das Mitsprechen erwies sich also als geeignete Strategie für prüfungsängstliche Kinder, ihre Aufmerksamkeit in gewünschter Weise auf die Lernaufgabe zu lenken und hinderte sie daran, Gedanken der Besorgtheit aufkommen zu lassen.
Gedanken der Besorgtheit während Prüfungssituationen beziehen sich – wie weitere Forschungsstudien zeigten - zu einem großen Teil auf soziale Bewertungen und negative Folgen von Prüfungsversagen. Tatsächlich reagieren prüfungsängstliche Schüler mit um so größerer Prüfungsangst, je stärker Lehrkräfte oder Eltern den Prüfungs- und Bewertungscharakter von Leistungssituationen betonen. Während es niedrig prüfungsängstlichen Schülern viel besser gelingt, auch negative Leistungsrückmeldungen als aufgabenbezogene Rückmeldungen und als ein informatives Feedback über ihren momentanen Lernstand wahrzunehmen, stellen sie für prüfungsängstliche Schüler tendenziell soziale Abwertungen dar. So achten beispielsweise prüfungsängstliche Schüler viel stärker darauf, ob andere bei Leistungssituationen anwesend sind.
Prüfungsangst hat neben Leistungseinbußen eine Reihe weiterer unerwünschter Nebenwirkungen, die eine Intervention erforderlich machen. Erstens wirkt sie sich negativ auf das Selbstvertrauen aus. Da zweitens soziale Lernsituationen von prüfungsängstlichen Kindern gemieden werden, haben sie weniger Gelegenheit zum sozialen Lernen und zum Aufbau sozialer Kompetenzen. Drittens verfügen prüfungsängstliche Kinder über weniger effektive Lernstrategien, was darauf zurückzuführen ist, dass ihnen während des Lernens nicht nur weniger Aufmerksamkeit für die Aufgabenbearbeitung zur Verfügung steht, sondern auch für die Verbesserung ihres Lernprozesses.
Diese exemplarisch vorgestellten Forschungsbefunde zeigen deutlich die beiden wichtigsten Ansatzpunkte zur Reduzierung der Prüfungsangst auf: 1) Prüfungssituationen dürfen von Schülern nicht als Situationen wahrgenommen werden, in denen sie als Person sozial bewertet werden. 2) Prüfungsängstliche Schüler teilen in Prüfungssituationen ihre Aufmerksamkeit in aufgaben- und selbstbezogene Gedanken. Es muss jedoch erreicht werden, dass sie ihre Konzentration voll der Aufgabenlösung widmen können. Diese beiden Zielsetzungen verfolgen die nachstehend aufgeführten Maßnahmen entweder direkt oder indirekt.
Maßnahmen
1. Kontaktaufnahme mit der Lehrkraft
Wenn Sie den Eindruck haben, Ihr Kind ist prüfungsängstlich, besteht der erste Schritt in einer Kontaktaufnahme mit der Lehrkraft. In einem Gespräch kann geklärt werden, ob Ihr Eindruck zutrifft. Gegebenenfalls muss dazu auch das Urteil einer Beratungslehrkraft oder eines Schulpsychologen eingeholt werden. Wenn tatsächlich Prüfungsangst vorliegt, kann die Lehrkraft durch eine Reihe von Maßnahmen zu einer Reduktion der Prüfungsangst beitragen bzw. durch die Gestaltung des Unterrichts und der Prüfungssituationen die Prüfungsangst auslösenden Situationen minimieren. Sie wird dann unter anderem vermeiden, Ihr Kind öffentlichen Bewertungen auszusetzen (die Noten der Klassenarbeit werden beispielsweise nicht öffentlich verlesen) oder sie wird die Prüfungen unter geringerem Zeitdruck durchführen.
2. Kompetenzaufbau
Ein sehr einfacher Schritt zum Abbau von Prüfungsangst ist der Aufbau von Kompetenzen, insbesondere geeigneter Lernstrategien und Arbeitstechniken. Diese haben eine doppelte Wirkung: Wie Forschungsstudien belegen, entwickeln Kinder, die über geeignete Lernstrategien verfügen, erstens ein höheres Selbstvertrauen, was sie weniger anfällig gegen Prüfungsangst und insbesondere Gedanken der Besorgtheit macht. Wird ein solches Angebot zum „Lernen lernen“ von Schulen nicht angeboten, sollten Eltern darauf drängen, beispielsweise über die Elternvertretungen. Zweitens dienen viele Lernstrategien und Arbeitstechniken genau dem Zweck, eine höhere Aufmerksamkeit des Kindes zu sichern. Ein prägnantes Beispiel hierfür ist die Beleuchtung des Arbeitsplatzes, die bei Rechtshändern von der linken Seite kommen sollte, weil ansonsten der Schatten der Hand ablenkend wirken könnte.
3. Aufklärung - Aufgeregtheit in Leistungssituationen ist völlig normal
Jeder fühlt sich in Leistungssituationen aufgeregt, fühlt ein flaues Gefühl im Magen – das Gegenteil wäre völlig unnormal. Und hier gibt es eine wirklich gute Nachricht, dass nämlich diese Aufgeregtheit die Leistungsfähigkeit gar nicht oder kaum beeinträchtigt. Allerdings nehmen wir an, dass diese Aufgeregtheit unsere Leistungen beeinträchtigt und deshalb kann Aufgeregtheit auf manche Personen hoch alarmierend wirken. Dies kann bei Schülern dazu führen, dass sie ihre gesamte Aufmerksamkeit auf ihre körperlichen Symptome richten. Beispielsweise könnte es der Fall sein, dass sich ein Schüler, der an der Tafel abgefragt wird, sich kaum von dem Gedanken lösen kann, man würde ihm seine Aufgeregtheit anmerken. Diese Besorgtheit, die seine Aufmerksamkeit von der Aufgabenbearbeitung abzieht, ist es aber nun gerade, was die Leistungseinbuße bewirkt. Die Aufgeregtheit selbst ist dagegen nahezu wirkungslos.
Ein Beispiel
Nehmen wir an, ein Schüler nimmt vor einer Prüfung wegen der angeblich beruhigenden Wirkung Baldrian zu sich, ein anderer Schüler trinkt zwei Tassen Kaffee. Baldrian hat zwar eine sehr geringe beruhigende Wirkung, die wir aber kaum feststellen können. In der Prüfungssituation werden daher beide Schüler vergleichbare körperliche Aufgeregtheitssymptome zeigen, der Kaffee trinkende Schüler sogar etwas mehr. Wenn nun beide Schüler auf ihre körperlichen Symptome achten, wird der Schüler, der Baldrian eingenommen hat, möglicherweise regelrecht erschrecken, weil er trotz Baldrian ganz normale Aufgeregtheitssymptome zeigt. Er wird schließen, dass er sehr, sehr nervös sein müsse, weil Baldrian nur so eine geringe Wirkung bei ihm zeigt. Der Kaffee trinkende Schüler wird seine Aufgeregtheit dagegen auf den Kaffee schieben können und wird durch die Aufgeregtheitssymptome nicht beunruhigt. Tatsächlich zeigen Experimente, dass Schüler, denen man ein angeblich leicht anregendes, aber wirkungsloses Mittel vor einer Prüfung gab, weniger prüfungsängstlich sind als Personen, denen man ein angeblich beruhigendes Mittel gab, das aber ebenso wirkungslos war. Das Handicap der prüfungsängstlicheren Gruppe lag nur darin, dass sie sich aufgrund der ganz normalen körperlichen Aufgeregtheitssypmtome vermehrt Gedanken machte, die sie von der Aufgabenbewältigung ablenkten.
Zum Glück müssen Sie als Eltern nicht zu solchen Tricks greifen, denn bereits die Aufklärung darüber, dass Aufgeregtheit in Prüfungssituationen ganz normal ist und nicht die Leistung beeinträchtigt, reduziert die Prüfungsangst Ihres Kindes. Erklären Sie ihm, dass es sich darüber nicht beunruhigen müsse und dass Leistungsbeeinträchtigungen durch Prüfungsangst von aufgabenirrelevanten Gedanken der Besorgtheit verursacht werden, indem sie Aufmerksamkeit von der Aufgabenbearbeitung abziehen.
4. Modellwirkungen
Setzt man einen prüfungsängstlichen Schüler im Klassenzimmer neben einen niedrig prüfungsängstlichen Schüler, wird seine Prüfungsangst gemildert (allerdings steigt sie ein wenig beim niedrig prüfungsängstlichen Schüler). Umgekehrt können sich zwei prüfungsängstliche Schüler in ihrer Prüfungsangst noch bestärken. Klassenkameraden fungieren hier also als Modelle (» Vorbilder). Auch Sie als Eltern können ein Modell sein, an dem Ihr Kind im ungünstigen Fall Prüfungsangst erlernen, im günstigen Fall aber auch seine Prüfungsangst reduzieren kann. Wenn Sie beispielsweise Ihrem Kind erzählen würden, dass es Ihnen früher in Prüfungssituationen nicht gelang, einen klaren Gedanken zu fassen, wird das die Prüfungsängstlichkeit Ihres Kindes verstärken. Wenn Sie vor einer Führerscheinprüfung oder vor einer Prüfung an der Volkshochschule zu Hause vor Ihrem Kind Prüfungsangst demonstrieren würden, könnte das ebenfalls die Prüfungsangst Ihres Kindes steigern. Ihr Kind kann also durch das Beispiel anderer Personen in seiner Prüfungsangst bestärkt werden, deren positives Beispiel kann aber auch zu einer Reduktion seiner Prüfungsangst beitragen.
Positiv wirken auch Modelle, die zwar ihre Aufgeregtheit in Prüfungssituationen durchaus zugeben, die aber gleichzeitig (und nicht besserwisserisch) verdeutlichen, wie sie selbst mit ihrer Aufgeregtheit erfolgreich umgehen, indem sie etwa dadurch erst richtig angespornt werden, sie sich dann erst recht auf die Aufgaben konzentrieren oder sich zuerst einmal eine positive Erinnerung vor Augen rufen, um die Aufgeregtheit abzubauen. Wichtig ist also, dass ein Modell, das seine Aufgeregtheit beschreibt, gleichzeitig veranschaulicht, wie es diese Aufgeregtheit bewältigt.
Die genannten Gesichtspunkte können Sie auf verschiedene Art nutzen: Bedenken Sie Ihre Modellfunktion, fördern Sie das Zusammensein Ihres Kindes mit niedrig prüfungsängstlichen Kindern oder bitten Sie in extremeren Fällen die Lehrkraft Ihres Kindes, es neben ein niedrig ängstliches Kind zu setzen.
5. Vorsicht: Elterliche Anteilnahme kann Prüfungsangst verstärken!
Kann Ihr Kind vor Aufregung in der Nacht vor Prüfungen nicht schlafen oder ist es bei seinen Vorbereitungen auf eine Klassenarbeit sehr nervös, so werden Sie vermutlich versuchen, es zu trösten und ihm ein positives Gefühl zu vermitteln. Möglicherweise stellen Sie es sogar von häuslichen Aufgaben frei, verwöhnen es mit kleinen Aufmerksamkeiten oder unternehmen am Tag vor der Prüfung etwas Besonderes mit ihm, damit es abgelenkt wird und mit der bevorstehenden Prüfungssituation besser zurechtkommt.
Eine positive Atmosphäre, elterliche Anteilnahme und Unterstützung helfen Kindern sicherlich, kurzfristig besser mit ihrer Angst umzugehen. Ein großes Problem besteht allerdings darin, dass Ihr Kind in Zukunft mit Prüfungssituationen nicht nur das unangenehme Gefühl der Angst verbindet, sondern gleichzeitig mit einem besonderen Maß an Zuwendung und Verständnis Ihrerseits rechnet! Dies kann dazu führen, dass Ihr Kind seine Prüfungsangst – wenn auch sicherlich nicht bewusst – zeigt, um besondere Anteilnahme und Unterstützung von Ihnen zu erhalten. Im schlimmsten Fall kann es zu einem äußerst ungünstigen Zirkel kommen, der zu einer stetigen Steigerung und Verfestigung der Prüfungsangst beitragen kann.
Dies bedeutet natürlich nicht, dass Sie auf die Angst ihres Kindes mit Unverständnis oder Vernachlässigung reagieren sollen.
Wenn Sie jedoch eine langfristige Reduktion der Prüfungsangst erreichen wollen, sollten Sie
Beispielsweise können Sie
Bei all diesen Maßnahmen lautet das Motto, dass Prüfungsangst ernst genommen werden muss, Sie Ihrem Kind gegenüber jedoch unbedingt auf einer sachlichen-konstruktiven und nicht auf einer mitfühlend-emotionalen Ebene handeln sollten.
6. Senkung des Erwartungsdrucks
Eine der Hauptursachen von Prüfungsangst sind überzogene Leistungsanforderungen, die an ein Kind gestellt werden, wobei es sich durchaus auch selbst unter Erwartungsdruck setzen kann. Die einfachste Maßnahme, die Sie als Eltern eines prüfungsängstlichen Kindes ergreifen können, ist die Senkung Ihres Anspruchsniveaus (dieses umfasst sowohl geringere Ansprüche bezüglich der Notenstufe, mit der Sie gerade noch zufrieden sind, als auch geringere Erwartungen bezüglich der Notenstufe, die Sie als Erfolg werten). Daneben sollten Sie als Eltern jedoch noch zusätzlich überprüfen, wie Sie auf schulische Erfolge und Misserfolge Ihres Kindes reagieren. Lassen Sie uns dazu ein Beispiel durchspielen. Nehmen wir an, ein Kind hat in einer Klassenarbeit eine gute Note geschrieben. Als es zu Hause diese Noten mitteilt, freuen sich die Eltern sichtbar, loben das Kind überschwänglich, vielleicht unterbreiten sie ihm sogar ein Geldgeschenk. In der nächsten Klassenarbeit schneidet das gleiche Kind jedoch weniger gut ab und seine Eltern sind sichtbar betrübt oder ärgerlich, das ganze Wochenende scheint verhagelt, sie tadeln das Kind und es muss außerdem noch eine extra Lernschicht einlegen. Natürlich sollen Eltern Anteilnahme und Interesse am Lernen ihrer Kinder haben, doch je größer diese Stimmungs- und Reaktionsunterschiede nach guten und schlechten Leistungen sind, desto mehr steht für ein Kind bei Prüfungssituationen auf dem Spiel: Sie können im Erfolgsfall viel Anerkennung und Zuneigung erfahren, aber auch viel Ablehnung und Liebesentzug, wenn es schief geht. Und je mehr für ein Kind auf dem Spiel steht (negativ wie positiv), desto leichter bildet es Prüfungsangst aus.
7. Perspektivenwechsel: Prüfungssituationen als Lerngelegenheiten
Prüfungsängstliche Schüler nehmen Prüfungssituationen wahr, als würden sie als Person auf dem Prüfstand stehen, nicht ihr Lernen. Bemühen Sie sich deshalb um einen bewusst konstruktiven Umgang mit Prüfungsergebnissen Ihres Kindes, die ja nur Aufschluss darüber geben, was beim Lernen gut und was weniger gut geklappt hat. Suchen Sie, wenn Sie mit Ihrem Kind über Leistungsergebnisse sprechen, die Gründe schlechter Noten nicht in der Person Ihres Kindes, sondern stets in seinem Lernprozess, der verbessert werden kann.
8. Selbstinstruktionen
Leistungseinbußen prüfungsängstlicher Schüler sind hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass sie ihre Aufmerksamkeit während Prüfungssituationen nur sehr eingeschränkt auf die Aufgabenstellungen richten und statt dessen verstärkt auf körperliche Symptome der Aufgeregtheit, die Folgen eines möglichen schlechten Abschneidens etc. achten. Eine einfache, aber höchst wirksame Methode zur Lenkung ihrer Aufmerksamkeit auf die Aufgabenstellung, stellen Selbstinstruktionen dar. Darunter versteht man innere Anweisungen, die man sich selbst gibt. Wenn sich beispielsweise der Elfmeterschütze vor dem Schuss innerlich sagt „Du darfst nicht auf den Tormann achten!“, dann handelt es sich um eine Selbstinstruktion. Vergleichbare Selbstinstruktionen können Sie auch mit Ihrem Kind einüben, so dass es ihm in Leistungssituationen leichter gelingt, seine Aufmerksamkeit auf aufgabenrelevante Aspekte zu lenken. Dazu einige Beispiele:
Alle diese Selbstinstruktionen helfen Ihrem Kind dabei, seine Gedanken auf die Aufgabe zu lenken statt sich aufgabenirrelevanten Gedanken hinzugeben. Welche Selbstinstruktionen Ihr Kind dabei verwendet, können Sie mit ihm durchsprechen. Wichtig ist, dass klare Auslösesituationen (z.B. „Immer wenn ich merke, ich schweife ab, dann sage ich mir: ...“) und feste Formeln zur Selbstinstruktion definiert sind.
9. Langsames Gewöhnen an Leistungssituationen
Eine weitere Möglichkeit zum Abbau von Prüfungsangst ist die schrittweise Gewöhnung an Leistungssituationen. Werden beispielsweise zu Hause Diktate geübt, senkt das die Prüfungsangst bei Diktaten im Schulunterricht (diese Feststellung gilt jedoch nur für ein konstruktives Lernklima zu Hause, siehe Maßnahme 6; ansonsten kann sogar die Prüfungsangst gesteigert werden). Gleichermaßen kann man beispielsweise Aufgaben aus Mathematikschulbüchern vorgeben, die in einer prüfungsähnlichen Situation (z.B. mit zunächst großzügig bemessener Zeitvorgabe) gelöst werden. Im Sinne einer Desensibilisierung wird die Ähnlichkeit mit einer Prüfungssituation allmählich gesteigert, beispielsweise können schließlich auch Klassenkameraden an den Probetests teilnehmen. Übrigens bieten solche simulierten Leistungssituationen auch eine gute Gelegenheit, die oben erwähnten Selbstinstruktionen einzuüben.
Allerdings ist zu keinem Zeitpunkt außer Acht zu lassen, dass diese prüfungsähnlichen Situationen zur Reduzierung der Prüfungsangst dienen. Dies bedeutet, dass kein Leistungsdruck ausgeübt werden darf, sondern die Prüfungssimulationen explizit als Lern- und Rückmeldungsgelegenheiten dargestellt werden: Fehler sind dann vor allem Informationen darüber, was noch geübt werden muss und keinesfalls Anzeichen von Leistungsversagen.
10. Einüben von Entspannungstechniken
Viele Therapeuten sehen in der Einübung von Entspannungstechniken wie autogenem Training ein Allheilmittel gegen Prüfungsangst. Tatsächlich reduzieren Entspannungstechniken lediglich das Gefühl der Aufgeregtheit, das nur in sehr eingeschränktem Maße für die Leistungsbeeinträchtigung durch Prüfungsangst verantwortlich ist. Doch in all jenen Fällen, in denen Kinder mit hoher Besorgnis auf ihre körperlichen Aufgeregtheitssymptome reagieren und eine Aufklärung (siehe Maßnahme 3) nicht die gewünschte Wirkung erzielt, kann ein Entspannungstraining zumindest diese Quelle der Besorgnis mildern. Handelt es sich aber um ein Entspannungstraining, das während der Prüfungssituation wiederholt Aufmerksamkeit für selbstberuhigende Maßnahmen erfordert, kann es sich sogar schädlich auswirken, weil der angestrebte positive Effekt – die Aufmerksamkeit kann auf die Aufgabe statt auf die Symptome der Aufgeregtheit gerichtet werden – verloren geht. Bevor Sie sich deshalb für ein Entspannungstraining für Ihr Kind entscheiden, lassen Sie sich vorher unbedingt genau seine Anwendung in Prüfungssituationen erklären. Bedenken Sie dabei, dass Ihrem Kind 5 Minuten vor der Abfrage an der Tafel keine Zeit bereit gestellt wird, um die Entspannungsübungen durchzuführen.
Wenn alle diese Maßnahmen nicht wirken
Die bislang beschriebenen Maßnahmen sind solche, die Sie als Eltern durchführen können und die in den meisten Fällen deutliche Reduktionen der Prüfungsangst bewirken. Allerdings stoßen diese Maßnahmen in Einzelfällen an ihre Grenzen, wenn beispielsweise Lehrkräfte wenig kooperativ sind oder sich die Prüfungsangst bereits dauerhaft manifestiert hat. In diesen Fällen ist professionelle Hilfe notwendig, wobei der Schulpsychologe erster Ansprechpartner ist.