Ein Lob ist eine mündliche Rückmeldung an Ihr Kind, ob Sie seine Person, eine seiner Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen oder ein von ihm erzieltes Ergebnis schätzen. Dabei fungiert Lob als ein sogenannter positiver Verstärker, der die Auftretenswahrscheinlichkeit eines bestimmten Verhaltens steigert, aber beispielsweise auch Selbstvertrauen stärken kann. Aus diesem Grund ist Lob eines der zentralen Erziehungsmittel! Übrigens kann Ihr Kind auch durch ein Lob, das es gar nicht selbst erhält, erfahren, welche Verhaltensweisen angemessen sind. Wenn Sie beispielsweise das gründliche Lernen eines anderen Kindes loben, erhält Ihr Kind dadurch indirekt die Information, dass Sie gründliches Lernen schätzen und es kann sein Verhalten entsprechend ausrichten.
Untersuchungen zeigen, dass Kinder am meisten Lob für gute Leistungen erfahren, weniger für ihre Lerntechniken und Lernverhalten oder wünschenswertes Verhalten im sozialen Bereich. Dabei loben Eltern häufiger ihre Töchter als ihre Söhne, was auch einer der Gründe ist, warum Mädchen seltener unerwünschte Verhaltensweisen zeigen. Setzen Sie deshalb Lob bewusst und planmäßig in allen Bereichen ein, in denen Ihr Kind einer Förderung bedarf. Bis zu einem Lebensalter von circa acht Jahren ist Lob am effektivsten. Danach verliert es zwar etwas an Wirksamkeit, bleibt aber eines der wichtigsten Erziehungsmittel zur Förderung positiver Verhaltensweisen Ihres Kindes!
Wenn Sie Ihr Kind loben, teilen Sie ihm nicht nur Ihre Freude oder Ihre Wertschätzung mit, sondern geben ihm gleichzeitig eine inhaltliche Information. Diese Information sollte so konkret wie möglich sein, damit Sie sicher gehen können, dass ihr Kind Sie wirklich versteht. Wenn beispielsweise Ihr Kind in einer Diskussion seinen Diskussionspartner ausreden lässt, obwohl es eine andere Meinung hat, dann sagen Sie nicht einfach „Das hast du gut gemacht“ oder „Ich bin stolz auf dich“, sondern bezeichnen Sie möglichst konkret, was Sie verstärken wollen, beispielsweise: „Dass du deinen Diskussionspartner ausreden hast lassen, obwohl du anderer Meinung bist, war gut.“ Stellen Sie sich vor der Erteilung eines Lobes also die Frage, welches konkrete Verhalten Sie loben wollen und erwähnen Sie dieses auch in ihrem Lob. Bei globalem Lob wie „Das hast du toll gemacht“ (übrigens das häufigste verteilte Lob) verstärken Sie höchstens das Selbstbewusstsein, nicht jedoch ein bestimmtes Verhalten Ihres Kindes. Mit konkretem Lob erreichen Sie beides.
Hochbegabte Kinder sind in der Lage, sich fantastische Fertigkeiten und Kompetenzen anzueignen. Lob kann dabei unterstützen, aber auch behindern. Vielleicht kennen Sie ein Kind, das nur noch Tiere in einem bestimmten Malstil zeichnen will. Dies könnte damit zusammenhängen, dass dieses Kind stets gelobt wurde, wenn es ein solches Tierbild vorlegte. Lob hat also in diesem Fall das Auftreten eines bestimmten Verhaltens erfolgreich verstärkt (Malen von Tierbildern), aber auch leider gleichzeitig andere Entwicklungen im künstlerischen Bereich unterbunden. Lob sollte deshalb nur dann gegeben werden, wenn sich Ihr Kind wirklich verbessert oder entwickelt hat, beispielsweise wenn es sich nicht, wie sonst immer, erst am letzten Tag auf eine Schulaufgabe vorbereitet hat, sondern bereits eine Woche vorher. Messen Sie Ihr Kind dabei an seinen früheren Leistungen oder Verhaltensweisen und stoßen Sie damit individuelle Entwicklungsprozesse an (individuelle Bezugsnorm) und orientieren Sie sich weniger an den Leistungen oder Verhaltensweisen anderer Kinder (soziale Bezugsnorm).
Hochbegabte Kinder können aufgrund ihrer herausragenden Anlagen sehr schwierige Lernziele erreichen. Dazu bedarf es jedoch auch bei ihnen – zumindest auf lange Sicht - großer Lernanstrengungen. Allerdings sammeln sie in der Schule nur selten diesbezügliche Erfahrungen, da sie Unterrichtsziele durchschnittlich schneller, mit weniger Anstrengung und selbstständiger als ihre Mitschüler erreichen. Dies hat zwei Folgen: (1) Hochbegabte Kinder stehen seltener als ihre Mitschüler vor der Notwendigkeit, sich gute Lerntechniken aneignen zu müssen. (2) Da sie aus der Sichtweise der Lehrkraft problemlos ihre guten Leistungen erzielen, erhalten sie zwar vergleichsweise viele Rückmeldungen zur Güte ihrer Lernergebnisse, aber vergleichsweise wenige Rückmeldungen zur Güte ihres Lernprozesses. Die Entwicklung geeigneter Lerntechniken können Sie als Eltern gezielt fördern, indem Sie positive Aspekte des Lernens Ihres Kindes loben. Forschungen bestätigen, dass sich ein solches Lob sehr günstig auf nachfolgende Lernprozesse und –ergebnisse auswirkt. Es sollte sich auf folgende Aspekte beziehen: Realistische Zielsetzungen (z.B.: Ihr Kind nimmt sich vor, das nächste Diktat fehlerfrei zu schreiben), Lernstrategien (z.B.: Ihr Kind veranschaulicht sich das Gelernte mit Hilfe einer Grafik) und Lernorganisation (z.B.: Ihr Kind hat erkannt, dass es ohne Musik besser lernen kann).
An viele Persönlichkeitseigenschaften sind mehr oder weniger klar bestimmte Verhaltensweisen gekoppelt. Hält sich ein Kind beispielsweise für fleißig, wird es regelmäßig seine Hausaufgaben machen, sich auf Klassenarbeiten gründlich vorbereiten, Extraaufgaben im Unterricht übernehmen usw. Fleiß ist somit eine Eigenschaft, bei der ein Kind klare Verbindungslinien zu Handlungen sieht. Forschungen zeigen auch, dass Kinder beispielsweise mehr lernen, nachdem man sie als „fleißig“ verstärkte, oder weniger Papier achtlos wegwerfen, nachdem man sie als „umweltbewusst“ lobte. Das Lob von Persönlichkeitseigenschaften, die mit bestimmten Verhaltensweisen in Verbindung gebracht werden können, ist daher günstig. Ungünstig wirkt sich dagegen ein Lob aus, das sich auf Persönlichkeitseigenschaften bezieht, die weder mit klaren Verhaltensweisen verbunden sind, noch durch eigenes Zutun veränderbar sind. So kann sich zum Beispiel ein Kind entscheiden, nachmittags viel zu lernen (also fleißig zu sein), es kann sich aber nicht entscheiden, intelligent oder begabt zu sein (auch wenn es dies ist). Forschungen belegen eindeutig, dass mit einem solchen Lob – vor allem nach Misserfolg - Verhaltensunsicherheiten geweckt werden, die sich sehr negativ auf Lernprozesse auswirken können. Loben Sie deshalb nicht Begabung oder Intelligenz Ihres Kindes (einzige Ausnahme: Ihr Kind hat ein sehr niedriges Selbstvertrauen!), sondern nur solche Persönlichkeitsmerkmale, bei denen es Ihrem Kind leicht fällt, sie mit konkreten Verhaltensweisen zu verknüpfen! Diese Verhaltensweisen werden dann positiv verstärkt.
Stellen Sie sich bitte vor, drei Lehrkräfte loben auf unterschiedliche Weise gelungene Bilder ihrer Schüler. Lehrkraft A gibt immer ein sachzentriertes lob: „Das Bild ist schön!“ Lehrkraft B lobt dagegen die Person des Kindes: „Das hast du gut gemacht!“ Lehrkraft C verwendet ein ich-zentriertes Lob: „Über dieses Bild freue ich mich sehr!“ Die Kinder erhalten nun über mehrere Wochen konsistent ein sach-, person- oder ich-zentriertes Lob. Anschließend können sie in einer Freistunde bei einer anderen Lehrkraft eine Beschäftigung wählen, beispielsweise Lesen oder Malen. Welche der genannten Lobformen bedingt Ihrer Meinung nach das größte Interesse am Malen? Forschungen belegen, dass nur in einer Bedingung Kinder malen, nämlich wenn sie zuvor sachzentriertes Lob erhielten. Denn nur in dieser Bedingung wurde die Aufmerksamkeit der Kinder direkt auf die Schönheit der Bilder gelenkt und sie lernten dadurch, dass es etwas Tolles ist, zu malen. In den beiden anderen Bedingungen lernten die Kinder dagegen sehr schnell, dass Bilder Mittel zum Zweck sind, nämlich entweder, um gesagt zu bekommen, dass man selbst gut sei, oder dass sich eine andere Person über ein schönes Bild freue. Ist diese andere Person nicht anwesend und kann ein solches Lob nicht erzielt werden, dann besteht für das person- oder ich-zentriert gelobte Kind kein Grund mehr, ein Bild zu malen. Interessen werden also durch sachzentriertes Lob gefördert, das Sie wirksam unterstützen können, indem Sie noch zusätzlich die Freude Ihres Kindes an der Tätigkeit herausstreichen („Dir macht das Malen sichtlich Spaß!“). Das häufig anzutreffende Phänomen, dass nur der Lehrkraft zuliebe gelernt wird anstatt aus eigenem Interesse, basiert somit zu einem Großteil auf falschem Loben. Haben Sie den Eindruck, Ihr Kind lernt hauptsächlich, um Ihnen oder seiner Lehrkraft einen Gefallen zu tun, oder weil Sie oder diese das wünschen, erteilen Sie häufiger sachzentriertes Lob!
Zur Verdeutlichung, wie Lob unter Umständen Selbstvertrauen beeinträchtigen kann, werden wir im nächsten Beispiel etwas übertreiben. Stellen Sie sich bitte vor, eine Lehrkraft fragt Jürgen, was 7 x 8 sei. Dessen richtige Antwort quittiert sie mit einem beiläufigen Kopfnicken. Anschließend fragt die Lehrkraft Carola, was 7 + 2 sei. Auf deren richtige Lösung reagiert sie mit einem enthusiastischen Lob. Was muss Carola denken, wie die Lehrkraft ihre mathematischen Fähigkeiten im Vergleich zu Jürgens einschätzt? Da die Lehrkraft bereits eine leichte Aufgabenlösung lobt, kann sie erschließen, dass die Lehrkraft sie nicht für sehr begabt hält, was sich auf ihr mathematisches Selbstvertrauen negativ auswirken kann. (Es wird geschätzt, dass ca. ein Drittel aller Mädchen bereits während ihrer Grundschulzeit Einbußen im Selbstvertrauen durch paradoxe Lobeffekte erleiden.) Loben Sie deshalb Ihr Kind nie für Selbstverständlichkeiten!
Lob ist am effektivsten, wenn es sich unmittelbar an ein gezeigtes Verhalten anschließt. Deshalb bewirkt beispielsweise das Lob einer guten Klassenarbeitsnote eher eine Notenzentrierung, als dass es den Lerneinsatz und den Lernprozess, die zur guten Note geführt haben, verstärkt. Wenn es nicht möglich ist, zeitlich unmittelbar zu loben, dann sollte zumindest der Versuch unternommen werden, Aspekte zu loben, die noch in die Gegenwart hinein reichen. So signalisiert etwa das gute Abschneiden bei der Klassenarbeit, dass ein Kind sich Fähigkeiten angeeignet hat und diese sollten mit einem Lob bedacht werden („Klasse, du kannst integrieren!“). Darüber hinaus kann man sich von seinem Kind erzählen lassen, wie es sich vorbereitet hat. Wenn sich bei dem Gespräch herausstellt, dass es beispielsweise bei der Vorbereitung auf die letzte Klassenarbeit eine effektive Lernstrategien eingesetzt hatte und diese auch künftig einsetzen will, sollte man dies ebenfalls verstärken („Das ist wirklich eine gute Methode, sich vorzubereiten!“).
Ein Lob dient dazu, die Auftretenswahrscheinlichkeit erwünschter Verhaltensweisen zu erhöhen. Dies bedarf besonders anfänglich häufigen Lobs. Ziel ist es jedoch, dass das verstärkte Verhalten zunehmend selbstständig gezeigt werden kann, also ohne Lobunterstützung. Deshalb sollte zur Verfestigung des verstärkten Verhaltens Lob im Laufe der Zeit reduziert werden. Ansonsten besteht die große Gefahr, dass Selbstverständlichkeiten gelobt werden oder das Kind auf einem bestimmten Leistungsniveau stehen bleibt.
Das LBFH-Team:
Albert Ziegler, Robert Grassinger, Monika Finsterwald & Heidrun Stöger